Reisebericht Enniger hilft Kindern 2003

Hilfstransport vom 25.04 bis 03.05.2003 nach Rumänien

Die Rumänienhilfe ist nach zwölf Jahren aktiven Engagements und dem mittlerweile siebten Hilfsgütertransport eine feste Einrichtung in unserem Dorf und darüber hinaus geworden. Unzählige Menschen haben sich in dieser Zeit am Einsatz von Mensch zu Mensch beteiligt. Auch aus den benachbarten Ortschaften erfährt die Rumänienhilfe ein immer größer werdendes Interesse und mannigfaltige Unterstützung.

Diesem Interesse wollen wir ebenfalls nach der siebten Fahrt mit diesem Bericht entgegenkommen, um anhand unserer Erfahrungen und Erlebnisse die Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Kraftaktes aufzuzeigen. Gleichzeitig wissen wir, daß gerade der Bericht die zahlreichen Helferinnen und Helfer, die nicht mit nach Rumänien fahren können, mit den Menschen in Rumänien vor Ort verbindet und sie in gewisser Weise teilhaben läßt am letzten der vielen Schritte von „Enniger hilft Rumänien“. Aus diesem Grund sind in diesem Bericht des siebten Hilfsgütertransportes mehr Bilder zu finden, um unsere Arbeit dort deutlicher zu illustrieren, aber auch von den Menschen, denen wir dabei begegnen, einen besseren Eindruck zu vermitteln.

Der siebte Hilfsgütertransport war in vielerlei Hinsicht einer, der sich von den vorangegangenen unterschieden hat. Das wesentliche Merkmal ist sicher, daß wir neben der Verteilung von Hilfsgütern in diesem Jahr dazu übergehen konnten, einen Beitrag im Rahmen einer Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Mit dem Holzhaus, das wir in Malcocci aufbauen konnten, hoffen wir, dem Forum, unserem Ansprechpartner im Donaudelta, eine Möglichkeit geschaffen zu haben, die dieser Gruppe Raum für Initiativen und Projekte bietet. So kann das Forum im ersten und neuen Zuhause Menschen begleiten, Projekte gegen die Arbeitslosigkeit, gegen die Armut unter der Landbevölkerung und vor allem auch gegen die Resignation starten.

Insgesamt wurde das erstaunliche Gewicht von 100 t Hilfsgütern bewegt. Das waren ca. 30 t Lebensmittel, 50 t Kleidung, 16 t, die das Holzrahmenhaus inkl. Dachziegeln wog und ca. 4 t an Sanitärzubehör, Betten und Einrichtungsgegenständen.
Die beteiligten LKW stammten von den folgenden Unternehmen, die zum Teil, wie bereits in den vergangenen Jahren, ihre im erstklassigen Zustand befindlichen Fahrzeuge unserer Rumänien-Aktion kostenlos zur Verfügung stellten:

Bosch: NVG GmbH, Beckum
Kuno: Deltrans GmbH, Dorsten
Willi: Spedition Hammelmann, Ennigerloh
Lotti: Fritz Jordan GmbH, Bocholt
und neu dabei Eisbär: RCG LKW, Münster

 

Die Teilnehmer des Hilfsgütertransportes verteilten sich wie folgt auf die jeweiligen Fahrzeuge:

Im Wohnmobil fuhren mit: Rudolf Fissahn, Josef Baxpöhler, Ralf Senger, Andreas Spitthöver, Sebastian Fissahn und Karl Kemper.
Kuno wurde gefahren von: Wolfgang Bönisch und Frank Schröder.
Im Führerhaus von Willi saßen: Michael Bruland, Marc Wieler und Dieter Fiehe.
Das Steuer von Lotti hielten: Werner Tewes, Günther Fischer (einer der drei Leiter unserer Hilfsaktion) und Olaf Magnussen.
Im Bosch verantwortlich waren: Dominik Fissahn und Andreas Hanskötter (die beiden weiteren Organisatoren des Transportes).
Im Eisbären waren zu finden: Christian Westkämper und Horst Stickl.

Allen Fahrern sei schon an dieser Stelle großer Respekt gezollt, denn sie haben den Hilfsgütertransport sicher, souverän und unfallfrei über die insgesamt knapp 5.000 Kilometer gefahren – und das auf unbekannten Straßen, die in Rumänien zum großen Teil nicht mit unseren Straßen zu vergleichen sind – aber dazu kommen wir später noch.
Bevor am 25. April der Transport starten konnte, gab es die meiste Arbeit zu erledigen.
Die meiste Arbeit? Natürlich, denn obwohl der Transport für alle Teilnehmer in diesem Jahr wirklich hart war, geschieht doch das Gros der Arbeit in den über eineinhalb Jahren Vorbereitungszeit. Da werden Weihnachtsmärkte organisiert und durchgeführt, da gibt es Verkaufsstände auf dem „Enniger Markt“, da schließen sich Gruppen mit Spenden an, die zumeist auf Basaren o. ä. erarbeitet werden, da ist Pater Donatus, der weltmeisterlich in Warendorf hunderte von Kleiderpaketen packt, da ist im Dorf Kleiderannahme und hinterher das große Sortieren, Packen und Stapeln und, und, und.
Alle, die auf die eine oder andere Weise, je nach eigenem Können hier mithelfen, aufzuzählen, würde jeden Rahmen sprengen, macht aber deutlich, wie viele Menschen mittlerweile zum Gelingen beitragen und wie warmherzig unsere Gesellschaft (doch noch) ist.
In den Tagen vor der Abfahrt wurde es dann turbulent.
Lebensmittel mußten eingekauft und abgeholt werden, die LKW wurden überführt, alles, was noch nicht in der Lagerhalle von Otterstedte gelagert war, mußte dorthin gebracht werden, für den eigenen Proviant wurde Vorsorge getroffen, die Papiere für die Grenzen wurden noch einmal überprüft und in Kontakt mit der rumänischen Botschaft ggf. zum wiederholten Male aktualisiert. Und schließlich konnte das große Beladen beginnen.

Rumänien 2003

Der Konvoi konnte zunächst gute Fahrt aufnehmen, denn die Autobahnen waren staufrei, so daß wir bereits um 2.15 Uhr die Grenze zu Österreich bei Passau überqueren konnten. Ein besonderer Höhepunkt für die Beifahrer war sicherlich die Fahrt durch die Wiener Vororte in den frühen Morgenstunden des 26. April. Da noch kein Verkehr die großen Verkehrsadern Wiens verstopfte, kamen wir zügig durch und konnten sogar einen kurzen Blick auf das morgendlich erwachende Schloß Schönbrunn werfen. Den Fahrern wäre jedoch die etwas längere Autobahnumfahrung lieber gewesen, die wir dann auf dem Rückweg auch eingeschlagen haben.

Schließlich kamen wir um 7.00 Uhr an der ungarischen Grenze an.

Rumänien 2003

... Erst um 22.15 Uhr ging es weiter. Das war aber immerhin doch fünf Stunden eher als bei der letzten Fahrt. Es zeichnete sich schließlich ab, daß diesmal mit einer „Rekordfahrzeit“ zu rechnen war. Wir wählten die kurze Route über Dara und Iteu, die aber Straßen in äußerst schlechtem Zustand zeigte. Ein Tempo oberhalb von 40 km/h war aufgrund der extrem vielen und auch tiefen Schlaglöchern schier unmöglich. Ab Iteu war die Straße in wirklich gutem Zustand, vor allem die vielen Baumaßnahmen vor und nach Sibeu haben deutliches bewirkt. Weiter ging es nach Ploiesti. Zwischen Ploiesti und Urziueni fanden wir allerdings wieder fast 50 Kilometer Straßen in katastrophalem Zustand vor, die das Vorwärtskommen teilweise nur im Schrittempo erlaubten. Der Funkverkehr hielt die Fahrer vor allem in den Nachtstunden gut informiert, Nasenbär konnte bei seiner Vorausfahrt auf Gefahren und Hindernisse hinweisen, was für die Sicherheit des Transportes sehr wichtig war. Aber auch so manch „Interessantes und Neues“ wurde mitgeteilt. So erfuhren wohl die meisten Mitfahrer zum erstenmal auf dieser Strecke, daß man Schafe bisweilen auch Pulloverschweine nennt.

Am Tageswechsel, also pünktlich um 0.00 Uhr gab es für uns zudem einen Grund zum feiern: unser Mitfahrer Olaf „Ole“ Magnussen hatte Geburtstag. Ein Ständchen in doch recht kühler Nacht, herzliche Glückwünsche und die gegenseitige Zusicherung, am kommenden Abend gebührend anzustoßen, waren die ersten Dinge, die Ole im neuen Lebensjahr zu hören bekam.
Guter Laune, wenn auch deutlich ermüdet, kamen wir dann ohne weitere Verzögerung um 17.41 Uhr in Tulcea, unserem Ziel, an.
Was sich vorher angedeutet hatte, bewahrheitete sich nun: mit nur 48 Stunden und 41 Minuten hatte es bislang noch keiner von unseren Konvois so schnell geschafft, die 2.260 Kilometer zu überwinden.

Um es für die Statistik festzuhalten: reine Fahrzeit 37 h 20 min, Fahrzeit Rumänien 18 h 38 min, Durchschnittsgeschwindigkeit 62,6 km/h.
Von unserem Ansprechpartner vor Ort, Herrn Richard Wagner, dem Leiter des Forums, der Stiftung von Schwester Beatrix, wurden wir herzlich begrüßt. Deutlich war Wiedersehensfreude und mittlerweile auch Vertrautheit zu erkennen.

Es war an diesem Sonntagabend nicht ganz leicht, die Angelegenheit mit dem örtlichen Zoll zu klären. Deshalb fuhr er in die Stadt und ließ unseren Konvoi am Stadtrand zunächst zurück. So konnten wir leider erst um 19.40 Uhr zu unserem Platz auf dem Sportgelände am anderen Ende von Tulcea aufbrechen.

Als wir dort ankamen, war es mittlerweile dunkel geworden, es regnete sporadisch und es war vor allem recht kalt. Trotz der widrigen Umstände tat die Aufbauarbeit des Lagers allen von der Fahrt steif gewordenen Gliedern gut. Schließlich gab es in der aufgebauten Zeltburg ein die Hinfahrt krönendes (Nacht-) Mahl und das versprochene Geburtstagsbierchen.

Rumänien 2003

Der nächste Tag stand dann schon ganz im Zeichen unserer Hilfeleistungen. Bereits in Enniger war abgesprochen worden, daß sechs Mann unserer Gruppe das Holzrahmenhaus in Malcocci errichten sollten.
Zu diesem Zweck hatten sich die Betreffenden im Vorfeld bei der Firma Laurenz Mense, von der das Haus (zum Selbstkostenpreis) stammte, getroffen, um es zur Probe schon einmal aufzubauen, damit in Rumänien nichts dem Zufall überlassen blieb. Etwaige Schwierigkeiten vor Ort oder fehlendes Werkzeug hätten das Projekt sehr schnell gefährden können.

Zum Bau-Trupp gehörten Rudolf und Dominik Fissahn, Andreas Hanskötter, Ralf Senger, Frank Schröder und Günther Fischer. Mit dem LKW, der das Haus geladen hatte, fuhren sie nach Malcocci, wo bereits ein vom Forum organisierter Kran für das Bauvorhaben wartete. Von den Mitgliedern des Forums war zur Vorbereitung dieses Projektes nach den Maßen des Hauses ein Kellergeschoß ausgehoben und gebaut worden. Auf diese Weise wurde es uns möglich, das Haus in nur drei Tagen komplett mit Dach zu errichten.

Alle anderen fuhren zum Hafen von Tulcea, wo sich die kleine Lagerhalle des Forums auf einem Gelände befindet, das auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Einige weitere Mitglieder des Forums warteten bereits auf uns, um gemeinsam die Lebensmittel und die Kleiderpakete, die das Forum in Tulcea selbst verteilt, auszuladen.

Mittels einer Menschenkette versuchten wir das Entladen möglichst zügig zu gestalten, was auch angesichts der Menge an Kartons und Paketen notwendig war.

Nach getaner Arbeit haben wir unser Helfer-Team für ein Gruppenfoto vor der Kulisse der Polar III überreden können, die schon bei unserer ersten Fahrt dort lag, nicht mehr in See stechen kann, aber auch nicht verschrottet wird. Sie liegt einfach da und verfällt – Relikt einer Zeit, die die Menschen allmählich zu überwinden versuchen.

Rumänien 2003

Nach dem Entladen im Forum ging es wieder zurück zum Lager. Inzwischen war es schon früher Nachmittag und es galt die Verteilungs-Aktion in Malcocci vorzubereiten. Nun rächte es sich, daß wir auf die Achslast Rücksicht nehmend die für Malcocci bestimmten Pakete auf zwei LKW geladen haben, und zwar so, dass die über 900 Pakete, be- und entladen werden mussten, damit die Verteilung an Ort und Stelle auch reibungslos klappt. Als es dann am Nachmittag nach Malcocci ging, hatten wir neben den Tonnen an Ladung auch schon zentnerschwere Arme.
In Malcocci, dem Dorf, das bereits seit Anfang unserer Hilfsaktion angesteuert wird, werden wir zwar auf jeden Fall dringend erwartet, aber aus der Erfahrung heraus wissen die Menschen, daß keiner drängen muß, um an Lebensmittel und Kleidung zu kommen.

Das vereinfacht die Verteilung enorm, so daß alles fast ein bißchen heiter und gelassen wirkt. Zwischen den mit ihren Hecks einander zugewandten LKW stehen die Menschen erwartungsvoll und doch immer auch irgendwie ernüchtert und abgehärtet, einige sichtlich verhärmt.

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Bei Einbruch der Dunkelheit können wir die Verteilung beenden. Mittlerweile war auch der Bautrupp vom oberen gelegenen Teil des Dorfes von seinem Tagewerk zu uns gestoßen. Wie immer gestaltete sich das Rangieren auf dem ungepflasterten Gelände als sehr schwierig und anspruchsvoll für die Fahrer. Doch nach einer halben Stunde war auch das letzte Fahrzeug vom Platz. Alle freuten sich auf das Abendessen.
Nach einem guten Frühstück brachen die Häuslebauer zu ihrem Bauplatz nach Malcocci auf, während für alle anderen zunächst Entladen auf dem Programm stand. Am späten Vormittag galt es einen Lader mit Anhänger für das kleine Fischerdorf Baltini zu beladen, das direkt an der Donau liegt.
Das Fahrzeug wurde vom Forum für dieses Dorf organisiert, da es für unsere großen LKW geradezu unmöglich ist, in dieses Dorf zu gelangen, so abseitig und unzugänglich ist es gelegen. Baltini ist der Ort, der einen immer wieder beschämt, so unmittelbar ist Armut und materielle Rückständigkeit zu greifen. Unsere im Grunde kleine Hilfe scheint uns deswegen so wichtig, um den Menschen auf diese Weise zu sagen, daß sie nicht ganz vergessen sind. Der kleine Transport nach Baltini wurde von Sebastian, Horst und Michael begleitet.

Mit den verbliebenen neun Leuten brachen wir zum Behinderten-Heim in Tucea auf. Hier leben Jugendliche und junge Erwachsene, die unterschiedlich schwere, körperliche und/oder geistige Behinderungen haben. Vor allem Lebensmittel sind für sie gedacht, aber auch Kleidungsstücke, die besonders für diese Altersgruppe geeignet scheinen. Mit großer Freude und Aufregung wurden wir empfangen. Ungeduldig boten sich die Jugendlichen zur Mithilfe an.

Wir freuen uns, daß wir mit ihnen entladen können und empfinden so nonverbal ein Gefühl Partnerschaft. Ein junger Mann, der sichtbar eine schwere Behinderung an seinen Beinen hat, beeindruckt uns durch die Pfiffigkeit, mit der er seine Behinderung wett macht: er organisiert eine Art Schubkarre, die es ihm ermöglicht, mitzuwirken.

Rumänien 2003

Seine Behinderung und sein Lebensmut, der durch seinen unbedingten Einsatz deutlich wird, rühren uns an. Besonders beliebt ist -natürlich- die Schokolade. Jedem unserer jungen Helfer wird selbstverständlich schon so eine Tafel gegeben. Dabei machen Einige mit einladenden und beharrlichen Gesten eine Einladung, ihnen zu folgen. Sie bitten uns, eine weitere Schokolade mitzunehmen und allmählich ahnen wir, daß sie uns zu einem Freund ins Haus führen wollen, der offensichtlich Empfänger der Schokolade sein soll.

Ein wenig unsicher, auf jeden Fall aber völlig unvorbereitet, betreten zwei von uns sein Zimmer und erleben einen mehrfach schwer behinderten Jugendlichen, der in seinem Bett liegt. Es scheint ihm überhaupt nicht gut zu gehen, besonders gepflegt sehen sein Bett und seine Kleidung nicht aus. Wortlos reißt er fast die Schokolade an sich und beginnt konzentriert die Schokolade zu essen. Gleich mehrere Stücke auf einmal; nicht das etwas von der seltenen Köstlichkeit verloren geht. Tränen in unseren Augen. Nach einem flüchtig-liebevollen Streicheln gehen wir wieder aus dem Zimmer. Jedes Paket hat hier seinen richtigen Ort gefunden.

 

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Wir beschließen, da wir gut in der Zeit liegen, die Baustelle in Malcocci zu besuchen und sind erstaunt, wie prächtig das Haus bereits aussieht.

Rumänien 2003

...Der nächste Tag verläuft für unseren Bautrupp im gewohnten Arbeitsrhythmus: nach dem Frühstück geht´s zur Baustelle. Auch für die Verteilungsgruppe steht ein anstrengender Tag bevor. Mehrere Stellen müssen angefahren werden. Zum Glück muß aber, da ein nicht unerheblicher Teil der Ladung bereits verteilt ist, nicht mehr so viel umgeladen werden. Ein erstes Ziel ist ein kleines Seniorenheim am Rande von Tulcea. Der Weg dorthin führt uns an besonders armseligen Häusern und Hütten vorbei. Wir gucken -und wollen es eigentlich gar nicht- aus unseren Führerhäusern heraus und können den Blick nicht lassen, beschämt von einer so ganz anderen Welt, fern von den Standards unseres Lebens.

Rumänien 2003

Das Seniorenheim verwundert uns. Es scheint in einer Art ehemaligem landwirtschaftlichen Unternehmen untergebracht zu sein, auf dem auch ein mittlerweile nutzloser Überwachungsturm steht.

Rumänien 2003

Wir stellen wilde Vermutungen über seine Funktion an, aber leider können uns unsere heutigen Begleiter vom Forum nichts erklären, da sie kein deutsch sprechen. Ein paar alte, zerbrechlich wirkende Frauen sitzen neben dem Eingang des kleinen Wohnhauses. Gelassen schauen sie uns beim Abladen zu und begegnen unseren Blicken lächelnd, manchmal auch ein wenig leer.

Rumänien 2003

Es ist nicht viel, was dieses kleine Heim braucht. Daß unsere Lebensmittel den Essenstisch der alten Leute aber bereichern, scheint uns fraglos.

Unser Weg führt uns nun zum Säuglings- und Kinderheim nach Tulcea. Wieder geht es mit unseren schweren Transportern durch die engen Straßen der Stadt. Wieder wird die günstigste Möglichkeit gesucht, die Fahrzeuge möglichst dicht an das Heim zu fahren. Wieder scheint dies fast nicht möglich zu sein und wieder schaffen unsere Fahrer das Unmögliche.
Vor dem Haus werden wir von einigen Schwestern fröhlich und herzlich Willkommen geheißen. Sie geben uns zu verstehen, daß wir die Lebensmittel und Decken, das Spielzeug und die Pakete unserer Sternsinger lediglich an den Eingang stellen bräuchten, Personal und einige Jugendliche übernehmen das Verstauen im Heim.

Und so laden wir ab und wären beinahe enttäuscht gewesen, so gar nichts von diesem Kinderheim gesehen zu haben. Schließlich bitten wir um die Erlaubnis, einmal das Haus zu sehen. In kleinen Gruppen werden wir dann durch das Haus geführt und es begegnet uns eine kleine, saubere und liebevoll gepflegte Welt.
Die Kinder, die hier leben, können von ihren Eltern aus den unterschiedlichsten Gründen nicht versorgt werden. Von einigen sind weder Mutter noch Vater bekannt. Sind die Kinder vier Jahre alt, müssen sie dieses Heim verlassen.
Entweder geht es in die ungewisse Zukunft einer überforderten Familie oder in ein weiteres Heim mit einer nicht minder ungewissen Zukunft. Aber die Kinder strahlen und ihre Heiterkeit fasziniert und begeistert uns.

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Dieses Heim macht einen sehr guten Eindruck auf uns und wir freuen uns, die gute Arbeit hier ein wenig unterstützen zu können. Nur schwer können wir uns von der heiteren Atmosphäre des Hauses trennen.
Unser nächster Anlaufpunkt ist das Waisenhaus in Insaccea, das auch seit mehreren Fahrten zu unseren festen Zielen gehört. Wir wissen schon von den Jahren zuvor, daß für die streng geführten Jugendlichen unsere Ankunft wie ein kleines Volksfest ist. Aufgeregt laufen sie durcheinander, hochmotiviert uns zu helfen, was aber dem eigentlichen Vorsatz nicht gerade dienlich ist.
Immer wieder müssen wir die Funktionsweise einer Menschenkette erklären, manchmal auch ein wenig streng werden, denn die Pakete sollen ja entladen werden. Die ältesten Jungs haben bereits ihre T-Shirts ausgezogen und lassen ein wenig angeberisch ihre Muskeln gegenüber den Jüngeren spielen. Wie selbstverständlich reihen sie sich oben auf dem LKW ein, während die Jüngeren unten tragen müssen. Auch hier gibt es feste Hierarchien.

Lebensmittel machen die meisten unserer Hilfsgüter aus. Am freudigsten aber werden die kleinen Beutel mit Schreibheften und Stiften und die selbstgestrickten Pullover begrüßt.

Die wahre Sensation schließlich sind Turnschuhe, die nun zum Vorschein kommen und für die Jugendlichen, denen ein Paar paßt, ein enormer Reichtum - an Besitz und Ansehen - bedeutet.

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Rumänien 2003

...Nach dem Abladen machen wir uns schnell auf den Weg zur Baustelle.
Dort werden wir schon ein wenig erwartet, denn unsere Hilfe kommt für die Restarbeiten und besonders für das Dachdecken sehr gelegen. Wir sind erstaunt, wie schön das Haus geworden ist und die Häuslebauer sind mit vollem Recht stolz auf ihre Leistung.

Am Mittag hatte es für sie eine besondere Überraschung gegeben. Die Dorfbewohner hatten für sie das Mittagessen organisiert. Um Ihre Gastfreundschaft, aber auch Dankbarkeit zu zeigen, wurde so richtig aufgefahren; für etwas zartere Mägen durchaus gewöhnungsbedürftig. Dennoch waren alle richtig gerührt ob soviel Herzlichkeit.
Nun galt es, die Arbeiten vor Einbruch der Dunkelheit abzuschließen, denn der nächste Tag bedeutet für uns schon wieder Heimfahrt. Schließlich nähert sich die Sonne dem Horizont und unser großer Bautrupp dem Ende seiner Arbeiten.

Mit Mitgliedern des Forums und einigen Dorfbewohnern erleben wir einen arbeitsamen und dennoch heiteren Spätnachmittag und Abend, stolz darauf, die Ziele, die wir uns gesetzt hatten, erreicht zu haben. Da das Haus gefeiert werden soll, hat Richard Wagner zwei Hühner und Gemüse besorgt, die von unserem Chefkoch Andreas fachmännisch in eine delikate „Suppe der Partnerschaft“ verwandelt; also im doppelten Sinne ein Ein - topf. Die Müdigkeit steckt allen in den Gliedern, doch wird zur späten Stunde noch gemeinsam die Messe gefeiert. Wofür wir danken und auch bitten konnten, hatten wir in den vergangenen Tagen alle erlebt.

Das Frühstück am nächsten Morgen haben wir dann in aller Ruhe eingenommen und im Anschluß unser Lager abgebaut. Währenddessen fuhren Ralf, Andreas und Frank mit Richard Wagner noch einmal kurz zum Haus in Macocci, um kleine Restarbeiten zu erledigen und den neuen Hausbesitzern einige Hinweise zum Haus zu geben. Die noch fehlenden Fenster Wurden eine Woche später vom Veka-Werk geliefert. Der Einbau erfolgte reibungslos

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Rumänien 2003

Rumänien 2003

...Dann war für uns der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Richard Wagner hatte als letzte Überraschung aromatisierten Sekt mitgebracht, so daß wir noch ein letztes Mal gemeinsam anstoßen konnten – für dieses Mal.

Wir hatten in den vergangenen Tagen über 84 t Hilfsgüter per Hand verteilt, an 560 Familien und an das Forum, das unsere Arbeit weiterführen wird, sowie an ein Altenheim, ein Krankenhaus, ein Behindertenheim, ein Waisenheim und ein Säuglings- und Kinderheim. Und wir hatten ein Haus gebaut.
Viel wichtiger ist jedoch, das wir gespürt haben, das wir helfen konnten. Das Tun all derer, die auch daheim mitgeholfen haben, war ein Zeichen der Hoffnung und Solidarität und so haben es die vielen Menschen, denen wir begegnet sind, auch verstanden.

Rumänien 2003

Die Rückfahrt begann um 13.10 Uhr und sollte diesmal über weniger schlaglochreiche Straßen führen, so unser Plan. Wir wählten daher die Route über Bukarest, genauer über den Umgehungsring der rumänischen Hauptstadt. Zwar ging es bis zum Umgehungsring nicht zügig voran, aber so befanden die Straßen sich doch in einem akzeptablen Zustand. Der Umgehungsring hingegen versetzte uns in Sprachlosigkeit. Nach den ersten fünfhundert Metern veränderte sich die Straße in einen Weg, der jetzt nur noch im Schritttempo zu befahren war; so viele und so tiefe Schlaglöcher rissen den Fahrbahnbelag auf. Es wunderte uns nun nicht mehr, daß wir fast die einzigen Fahrzeuge weit und breit waren. Die Straße verengte sich mitunter auf die Breite eines Feldweges.
Der Umgehungsring führte uns an der Mülldeponie der Großstadt und an den Slums der Metropole vorbei und erinnerte uns zum Abschied noch einmal an all das Elend, das es in diesem Land noch gibt. Als uns dann aus der inzwischen stark fortgeschrittenen Abenddämmerung noch fünf armselige, mit allem Trödel völlig überladene Zigeunerkutschen entgegenkamen und uns die Familien aus trostlosen Augen anblickten, war die Tristesse unmittelbar greifbar und legte sich wohl auf jeden von uns. Traurig drängte sich die rumänische Wirklichkeit noch einmal auf.

Nach dreißig Kilometern im Schritttempo kamen wir dann endlich auf den wesentlich besseren Teil des Rings, der uns dann schnell zu der einzigen Autobahnstrecke Rumäniens, zwischen Bukarest und Ploiesti, führte. Insgesamt konnten wir die 920 Kilometer durch Rumänien doch in genau 18 Stunden zurücklegen. Leider gab es an der rumänisch-ungarischen Grenze noch einmal Probleme, da nicht in allen unseren Pässen vom rumänischen Zoll der Einreisestempel gedrückt worden war.

...Das Resümee einer solchen Hilfsaktion, wie wir sie nun zum siebten Male vorgenommen haben, muß natürlich ein differenziertes sein. Die Grenzen unserer Hilfsmöglichkeiten werden uns auf so einer Fahrt immer wieder deutlich vor Augen gestellt und doch sehen wir auch die Chancen für eine Reihe von Menschen. Wenn wir auch keinem Land, keiner Stadt, keinem Dorf zu einem wirklich und dauerhaft besseren Leben verhelfen können, so haben wir doch sehr vielen einzelnen Menschen Mut und Hoffnung geschenkt und ihren Alltag durch einiges, im Grunde unbezahlbarem, erhellen dürfen. Vielleicht lassen sich doch mehr Menschen in Rumänien, als wir unmittelbar sehen können, von uns anstecken, gegen die Resignation und die Hoffnungslosigkeit aufzustehen. Schon dann hätte sich all die Mühe gelohnt, die wir auch nächstes Mal gerne wieder auf uns nehmen. Es gibt ja noch so viel zu tun...

 

Wir sagen allen Spendern, Helferinnen und Helfern, Förderern, allen, die uns auf welche Art auch immer unterstützt und motiviert haben, einen ganz herzlichen Dank!

 

Enniger, im September 2003
Karl Kemper